Predigt: Keiner ist perfekt

August 17th, 2026

Vom Murren und dem Evangelium

Predigt über Apostelgeschichte 6, 1–7

Kanzelgruß

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist, der da war und der da kommt, unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

Gebet

Keiner ist perfekt, auch wir nicht, Herr. Hilf uns das zu bedenken, und lass dir wohlgefallen die Rede meines Mundes und das Gespräch meines Herzens vor dir, HERR, mein Fels und mein Erlöser. 

Amen.

Keiner ist perfekt

Liebe Gemeinde,

wir sind nicht perfekt, keiner von uns, und deshalb sind wir auch als Gemeinde nicht perfekt. Das ist nicht schlimm, sondern der Normalfall.

Wenn wir aber im zweiten Kapitel der Apostegeschichte lesen, wie es in der ersten Gemeinde lief, dann kommen wir ins Grübeln: Es geschahen Zeichen und Wunder, alle waren beieinander und hatten alle Dinge gemeinsam.

Auf der Uni nannten das einige “Urkommunismus” – und den Begriff fand ich damals schon daneben, denn wir Menschen sind nicht so, dass Kommunismus funktionieren kann. Darauf komme ich aber später noch mal zurück.

Hand aufs Herz, eine Gemeinschaft, in der alle ein Herz und eine Seele sind: Kennt die Jemand? Ich kenne nicht mal eine Familie, in der kein böses Wort fällt und alles geteilt wird, und eine Kirchengemeinde, in der Gottes Geist so wirkt, dass aller Streit schon im Keim erstickt wird, die kenne ich auch nicht.

Bevor ihr mir nun vorwerft, hier auf der Kanzel Bibelkritik zu betreiben, von wegen so eine zuckersüß beschriebene Gemeinde gibt es gar nicht, möchte ich euch den heutigen Predigttext vorlesen. Er findet sich ebenfalls in der Apostelgeschichte, aber er findet sich etwas später, im 6. Kapitel und ist Überschrieben “Die Wahl der sieben Diakone”. Ich finde, das passt und lese die Verse 1 bis 7:

In diesen Tagen aber, als die Zahl der Jünger zunahm, erhob sich ein Murren unter den griechischen Juden gegen die hebräischen, weil ihre Witwen übersehen wurden bei der täglichen Versorgung. Da riefen die Zwölf die Menge der Jünger zusammen und sprachen: Es ist nicht recht, dass wir das Wort Gottes vernachlässigen und zu Tische dienen. Darum, ihr lieben Brüder, seht euch um nach sieben Männern aus eurer Mitte, die einen guten Ruf haben und voll Geistes und Weisheit sind, die wir bestellen wollen zu diesem Dienst. Wir aber wollen ganz beharrlich bleiben im Gebet und im Dienst des Wortes. Und die Rede gefiel der ganzen Menge gut; und sie wählten Stephanus, einen Mann voll Glaubens und Heiligen Geistes, und Philippus und Prochorus und Nikanor und Timon und Parmenas und Nikolaus, den Proselyten aus Antiochia. Diese stellten sie vor die Apostel; die beteten und legten ihnen die Hände auf. Und das Wort Gottes breitete sich aus, und die Zahl der Jünger wurde sehr groß in Jerusalem. Es wurden auch viele Priester dem Glauben gehorsam.

Keiner ist perfekt: Das Gesetz hält uns einen Spiegel vor

Liebe Brüder und Schwestern,

in diesem Text begegnet uns schon im ersten Satz ein Wort, das uns einerseits einen Spiegel vorhält und das für uns andererseits fast tröstlich ist: das Wort “Murren”.

So eiapopeia ging es also doch nicht zu in der ersten Gemeinde. Sie war gewachsen, und mit der Zeit ware es zwangsläufig zu Problemen gekommen, zu unterschiedlichen Vorstellungen, kulturellen Differenzen und was man sich so vorstellen kann: Es gab dort hebräische und griechische Juden, Einheimische und Rückkehrer aus der Diaspora. Es wurde im wahrsten Sinne des Wortes nicht immer dieselbe Sprache gesprochen, und ganz so ein Herz und eine Seele war man inzwischen auch nicht mehr: Die Witwen der griechischen Juden wurden beim Austeilen des Essens übersehen. Ausgerechnet die Witwen, die Schwächsten, die keine Absicherung hatten, die auf die verlässliche Austeilung des Essens angewiesen waren.

Pfarrer Wittenberg hatte mich gebeten, auch mal über Gesetz und Evangelium zu predigen. Bei den ersten beiden Predigttexten fand ich aber keinen Aufhänger. Bei diesem schon, denn bei den Meinungsverschiedenheiten und Ungerechtigkeiten, von denen wir hier lesen, begegnen wir dem Gesetz, und das Gesetz kommt uns nicht mit Eiapopeia vom Himmel, sondern hält uns unbarmherzig einen Spiegel vor. Es zeigt uns, wer wir wirklich sind: Sünder, und seien wir noch so geisterfüllt.

Die Kirche der Stunde Null war nicht besser und nicht schlechter als die Kirche heute. Das Anliegen Martin Luthers war es folglich nicht, uns zu besseren Menschen zu machen (das versuchten später die sogenannten Schwärmer und andere), sondern uns allen wieder das Evangelium neu vor Augen zu führen.

Das Gesetz deckt auf: Wo Menschen am Werk sind, und seien sie noch so wohlmeinend, da wird’s unschön: Oben, unten, Bevorzugung, Ablehnung und allerlei Ungerechtigkeiten schleichen sich ein. Damals wie heute! An dieser Stelle komme ich noch mal auf den angeblichen Urkommunismus, bzw. den Kommunismus an sich zurück: Wo der begonnen wurde, mit den besten Absichten vielleicht, endete er immer gleich: Stacheldraht, Unterdückung und Verbote. Es fehlte und fehlt den Kommunisten bis heute der vorgehaltene Spiegel: Der bessere Mensch war, ist und bleibt eine Illusion. Das ist den Aposteln völlig klar, und deshalb versuchen sie es erst gar nicht Strukturreformen, mit Supervision, wie man heute sagen würde, also mit mehr Kontrolle. Sie erkennen das eigentliche Problem: “Es ist nicht recht, dass wir das Wort Gottes vernachlässigen und zu Tische dienen.” Was in der Gemeinde zu kurz kommt, das ist also die Predigt des Evangeliums, denn Wort und Tisch gehören untrennbar zusammen: Diakonie und Diakonat sind Frucht des Evangeliums.

Keiner ist perfekt: Das Evangelium befreit uns

Die befreiende Kraft des Evangeliums ist es, die unseren Blick weglenkt von uns selbst und unseren Unzulänglichkeiten und uns stattdessen aufschauen lässt zu ihm: zu Jesus Christus, unserem Erlöser, und unserem Herrn und unserem Bruder.

Das Evangelium ist die frohe Botschaft der bedingungslosen Gnade Gottes. Es ist die Zusage, dass Gott uns Menschen unsere Sünden vergibt und uns rettet, ohne dass wir uns das irgendwie erwerben können oder müssen.

Was bewirkt die befreiende Kraft des Evangeliums hier konkret?

Die Apostel rufen die Gemeinde zusammen und sagen: “Wählt sieben Männer aus eurer Mitte.” Gewählt werden daraufhin Stephanus, Philippus, Prochorus, Nikanor, Timon, Parmenas und Nikolaus. Alle sieben tragen griechische Namen. Die hebräische Mehrheit der Jerusalemer Gemeinde entscheidet sich also für sieben Rückkehrer aus der Diaspora. Das hätte auch anders ausgehen können. Die Mehrheit hätte auf ihr Recht bestehen und mehrheitlich hebräische Diakone wählen können: Das wäre Machtpolitik gewesen. Aber Machtpolitik ist nicht, was das Evangelium lehrt, im Gegenteil: Das Evangelium befreit von solchen Ansprüchen.

Den Murrern wird Verständnis entgegengebracht und Großzügigkeit erwiesen: “Ihr habt das Gefühl, zu kurz zu kommen? Okay, wir haben euch gehört und bieten euch an: Tragt Verantwortung und tragt dazu bei, dass in der Gemeinde Recht und Gerechtigkeit gegenüber allen herrsche.

Gottes Liebe und Gottes Gnade sind nicht begrenzt. Das Evangelium kennt deshalb keinen Mangel und keine Privilegien, also auch keinen Kampf darum: Niemand muss für seine Stellung vor Gott oder in der Gemeinde kämpfen. Im Evangelium wird vielmehr der Überfluss deutlich: Keine Angst, fürchtet euch nicht! Es kommt keiner zu kurz: Das ist doch wahre Befreiung, und diese Befreiung ermöglicht es, dem Ideal der anfangs beschriebenen Gemeinschaft näher zu kommen: Eine Gemeinschaft, in der alle ein Herz und eine Seele sind, und in der alle teilen, was sie haben.

Ist das an sich nicht schon ein Wunder?

Das Evangelium ist Freiheit in Aktion: Ihr habt keinen Mangel, deshalb vergesst euren Egoismus und eure Grabenkämpfe. In Christus seid ihr frei genug, um all das zu überwinden – noch nicht endgültig, aber immer wieder, jeden Tag aufs Neue. Das Evangelium heiligt diesen Alltag. Es adelt jede helfende Hand, jeden Besuch am Krankenbett und jeden Handgriff in der Gemeinde.

Die Apostel legen sieben Männern unter Gebet die Hände auf und segnen sie. Damit bezeugen sie: Wort und Tisch lassen sich nicht trennen. Predigt und praktische Diakonie gehen Hand in Hand. Für beides braucht man Männer “voll Geistes und Weisheit”.

Am Ende des heutigen Predigttextes folgt noch ein Paukenschlag: Wenn Gesetz und Evangelium, Wort und Tisch nicht vermischt werden, sondern sich in rechter Weise ergänzen, kommt es zu erstaunlichen Folgen. In Vers 7 heißt es: “Und das Wort Gottes breitete sich aus, und die Zahl der Jünger wurde sehr groß… Es wurden auch viele Priester dem Glauben gehorsam.”

Merkt ihr was? Dort steht nicht: Kienbaum, eine Personal- und Unternehmensberatung wird uns schon die richtigen Tipps geben, die Supervision führt zu ersten Erfolgen. Dort steht: “Das Wort Gottes breitete sich aus.”


Der Streit war beigelegt, die durch das Gesetz aufgedeckte Ungerechtigkeit wurde durch die Liebe des Evangeliums geheilt. Das Wort hatte wieder freie Bahn, und es geschieht sogar ein Wunder: Jüdische Priester, die Tempelaristokratie, die Jesus ans Kreuz geliefert hatte, die härtesten Gegner der Urgemeinde, kapitulieren vor dieser Liebe. Sie sahen eine Gemeinschaft, die ihre Konflikte nicht mit Macht und Ausgrenzung löst, sondern mit Geist, Weisheit und Vergebung, und vielleicht war es das, was einige von ihnen zum Glauben brachte.

Schlussgedanke

Liebe Gemeinde, was nehmen wir heute mit nach Hause?
Ich habe meine dritte und letzte Predigt zur Segnung als Pfarrdiakon geschrieben und gehalten. Keiner ist perfekt, und wir sind keine perfekte Gemeinde. Unsere Strukturen gehören immer wieder auf den Prüfstand, und das Gesetz hält uns jeden Tag von neuem unsere Unzulänglichkeiten vor. Das Evangelium aber tröstet uns: Ihr müsst nicht perfekt sein, denn Christus ist es für euch!

Das Evangelium ist die befreiende Kraft, die uns ermutigt, nicht ängstlich auf unseren Mangel, sondern freudig auf den Überfluss Gottes zu schauen. Er schenkt uns seinen Geist, der uns die Kraft gibt, aufeinander zuzugehen, Privilegien abzugeben und einander neu zu vertrauen.

Lassen wir uns vom Evangelium verwandeln. Schaffen wir dem Wort Gottes neuen Raum in unseren Herzen und in unserer Gemeinde. Dann werden wir erleben, dass dieses Wort auch heute noch läuft, Mauern niederreißt und uns allen zum Segen wird.

Amen.

Schlussgebet

Keiner ist perfekt, auch wir nicht. Herr, hilf uns dabei, als Gemeinde noch besser zusammenzuwachsen, und füge uns neue Gemeindeglieder hinzu. Das bitten wir dich durch Jesus Christus unseren Herrn, der mit dir lebt und regiert in der Einheit des Heiligen Geistes. Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

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