Predigt: Spaltet euch nicht, und lasst euch nicht spalten

June 3rd, 2026
Spaltet euch nicht
Klosterkirche Neustadt

Predigt für den 7. Juni 2026: Spaltet euch nicht, und lasst euch nicht spalten. Geschrieben im Kloster Neustadt

Spaltet euch nicht, und lasst euch nicht spalten

Das Gemeinsame verbindet und konstituiert die Kirche, und nicht irgendeine Vielfalt.

Kanzelgruß

Der Herr sei mit euch allen.

Predigttext: 1. Korinther 12, 19-26

Wenn aber alle Glieder ein Glied wären, wo bliebe der Leib?

Nun aber sind es viele Glieder, aber der Leib ist einer.

Das Auge kann nicht sagen zu der Hand: Ich brauche dich nicht; oder wiederum das Haupt zu den Füßen: Ich brauche euch nicht. Vielmehr sind die Glieder des Leibes, die uns schwächer erscheinen, die nötigsten; und die uns weniger ehrbar erscheinen, die umkleiden wir mit besonderer Ehre; und die wenig ansehnlich sind, haben bei uns besonderes Ansehen; denn was an uns ansehnlich ist, bedarf dessen nicht.

Aber Gott hat den Leib zusammengefügt und dem geringeren Glied höhere Ehre gegeben, auf dass im Leib keine Spaltung sei, sondern die Glieder einträchtig füreinander sorgen. Und wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit, und wenn ein Glied geehrt wird, so freuen sich alle Glieder mit.

Gebet

Lieber himmlicher Vater,

bitte lass uns dein Evangelium durch meine Worte deutlicher werden, und wirke in uns, dass wir deine Botschaft nicht nur hören und verstehen, sondern auch in unserem Alltag beherzigen. Das bitten wir dich durch Jesus Christus, deinen Sohn und unsern Erlöser und Fürsprecher. Ihn bekennen wir als Herrn der ganzen Kirche, und ohne ihn können wir nichts tun.

Amen.

Catedrala Mitropolitană – Timișoara

Predigt

Liebe Gemeindeglieder,

Paulus hatte es nicht leicht mit den Korinthern, das spürt man beim Lesen und Hören dieser Zeilen sofort.

Der Pharisäer Paulus, ein ehemals strenggläubiger Jude, noch immer ein Intellektueller, ein Philosoph, aber nicht im Elfenbeinturm, sondern mitten im Leben und unterwegs auf Missionsreise. Er selbst hatte die Gemeinde in Korinth um das Jahr 50 n. Chr. gegründet, er kannte die Gemeinde – sehr gut sogar.

Er schreibt den Korinthern, weil ihm einerseits Klagen zu Ohren gekommen waren, und weil er andererseits um seinen Rat in einer Vielzahl offener Fragen gebeten worden war.

Politisch genossen die Korinther viele Freiheiten – und das war ihnen gemeindlich zum Problem geworden.

Korinth war nicht nur eine Hafenstadt, es gab dort gleich zwei Häfen. In Korinth begegnete man dem prallen Leben: Wer mal in St. Pauli war, der weiß, was ich meine.

Auch die christliche Gemeinde in Korinth war nicht ohne: Mit der Zeit hatten sich dort Selbstzufriedenheit und Personenkulte breit gemacht. Einige lebten einen recht weltlichen Umgang mit der Sexualität, andere traten als Sittenwächter auf, und wiederum andere verloren sich in esoterischen Sonderlehren: Die Kirche als Ganzes war den Korinthern aus dem Blickfeld geraten. In dieser Situation – zur Erinnerung: Paulus kennt die Akteure – erinnert der Apostel die Korinther daran, um was es eigentlich geht: um Glaube, Liebe, Hoffnung und um die Einheit der Kirche.

Spaltet euch nicht, und lasst euch nicht spalten!

Zunächst ist für Paulus klar: Im Gemeindeleben kommt es nicht auf Leistung, nicht auf Anerkennung und nicht auf originelle Einfälle an. Die Liebe Gottes ist in Jesus Christus schon offenbar geworden. Niemand kann und/oder muss sie sich erst noch verdienen.

Das Streben nach Meinungsführerschaft, nach Neuorientierung und nach dem Durchsetzen neuer persönlicher Erkenntnisse ist kein Gewinn für das kirchliche Zusammenleben, sondern führt zu Auseinandersetzungen und Blockaden.

Paulus macht das sehr deutlich, indem er die Kirche mit einem lebendigen Organismus vergleicht: Alle Organe, Gewebe und Gliedmaße sind höchst unterschiedlich, aber erst im Zusammenspiel, nicht im Gegeneinander, wird ein lebenstaugliches Ganzes daraus: Herz, Mund und Hände müssen sich nicht gegenseitig beweisen. Es ist vollkommen klar, dass sie alleine, auf sich gestellt, nicht zurecht kommen. Ein starkes Herz, aber eine kranke Leber, das ist der Lebenserwartung nicht zuträglich, ebenso wenig wie ein wacher Geist mit trüben Gedanken. In der Kirche soll erkennbar werden, was sie der Welt predigt: Die Vergebung der Sünden und die Versöhnung mit Gott.

Wie kann das geschehen, wenn eine Gemeinde, wenn die Kirche untereinander nicht versöhnlich ist?

Paulus tut hier nichts anderes, als die Kirche darauf hinzuweisen, dass sie sich so organisieren soll, wie Christus selbst es gelehrt hat: “Der Größe unter euch soll euer Diener sein.”

Wem viel gegeben ist – oder wer meint, einen Erkenntnisvorsprung zu haben – der sei dafür dankbar und bringe all das zum Wohle des Ganzen ein, aber nicht im Streit und nicht mit dem Ziel der Spaltung.

Wer glaubt, ihm sei wenig gegeben, der darf sich darüber freuen, dass auch der stärkste Geist auf der Stelle tritt, wenn er unter einer Nagelbettentzündung leidet. Zur Erinnerung: “Gott hat den Leib zusammengefügt und dem geringeren Glied höhere Ehre gegeben. Es gibt kein Besser und Schlechter im Christsein, jedenfalls nicht von Gott. Selbstverständlich kann man sich von dem Großen und Ganzen des Glaubens so weit entfernen, dass man nicht mehr dazugehört, das wissen wir alle, aber das ist ein anderes Thema, und darum geht es dem Apostel hier nicht. Gottes Liebe ist bedingungslos. Darauf ist Verlass, immer. Der Kleine ist Gott so wichtig wie der Große: Warum sollten wir uns also untereinander aufblähen?

Was bedeutet das nun konkret? Welche Lehren können wir heute daraus ziehen?

Die Kirche ist ein lebendiger Organismus, komplex und voller Geheimnisse und Wunder. Sie lebt nicht aus sich heraus, sondern aus der Wahrheit der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist. Dieser Jesus ist und bleibt der Herr der Kirche: ihr Bräutigam und ihr Lebenselexir. Deshalb können wir, als Gemeindeglieder, als Kirchengemeinde, als Kirchenbezirk und als SELK, nicht für uns allein existieren, sondern nur im Zusammenwirken mit der ganzen Kirche Jesu Christi. Das heißt nun nicht, dass wir jeweils unsere Eigenheiten aufgeben und so werden müssen wie die anderen. Ganz im Gegenteil! Wenn die Hand plötzlich laufen lernen will, dann geht sie in die Irre.

Spaltet euch nicht, und lasst euch nicht spalten!

Wir Bekenntnislutheraner haben unseren Platz und unsere Aufgabe im lebendigen Organismus der Kirche Jesu Christi. Wenn wir über Veränderungen, über Frauenordination und vieles andere nachdenken und diskutieren, dann debattieren wir in Wahrheit über diesen Platz, über unsere Aufgabe im Gesamtorganismus des Leibes Christi: Streben wir nach Veränderung, weil wir mit irgendetwas vorpreschen und nach außen besser dastehen wollen, oder begreifen wir, dass wir als Glied des einen Leibes nichts auf eigene Faust unternehmen können, weil wir Verantwortung für den Gesamtorganismus tragen?

Wir alle haben unseren Platz in der Kirche: als einzelne Christen, Familien, als Gemeinde und auch als SELK. Diesen Platz dürfen wir einnehmen, und auf diesem Platz sollen wir unsere Aufgabe erfüllen, ohne Minderwertigkeitskomplex, aber auch ohne Hochmut. Einfach, weil Gott uns dem Gesamtorganismus Kirche hinzugefügt hat.

Bei uns im Westen werden derzeit politisch wie theologisch vor allem Unterschiede herausgearbeitet und die Gesellschaft, genauso wie die Kirche, in Glieder und Schichten unterteilt. Daraus resultiert ein gesellschaftliches wie theologisches Auseinanderbrechen in immer kleinere und eigentümlichere Einheiten. Solchem Tun schiebt Paulus hier einen Riegel vor, und ruft die Korinther auf, sich nicht über Unterschiede, sondern über die Zugehörigkeit zu definieren. Das Gemeinsame verbindet und konstituiert die Kirche, nicht irgendeine Vielfalt.

Was ist das Gemeinsame?

Das Gemeinsame ist der Glaube an Jesus Christus als das lebendige Wort Gottes, die Gemeinschaft und Liebe untereinander und die Hoffnung, dass der Herr uns alle, seine Kirche stärkt und schützt: Hier in Siegen und überall auf der Welt, heute und bis zum Jüngsten Tag.

Amen.

St. Oswald – Stockach

Gebet

Lieber himmlischer Vater,

wir danken dir, dass du uns seit über 100 Jahren hier in Siegen als Lutheraner zusammenbleiben und gemeinsam wirken lässt. Wir bitten dich, sei auch heute und in den kommenden Jahren unser Schutz und unsere Burg, damit wir, über unsere eigene Gemeinde hinaus, in die ganze Kirche der Region ausstrahlen und in deinem Sinne wirken können.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsre Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

St. Christophorus – Siegen

Lied

Die Kirche steht gegründet

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