Predigt: Ist Karma wirklich eine Bitch?

July 14th, 2026

Predigt zu Johannes 9, 1–7 (Die Heilung des Blindgeborenen am Teich Siloah)

Kanzelgruß

Der Friede unseres Herrn Jesus Christus sei mit euch allen. Amen.

Predigttext

Die Heilung eines Blindgeborenen

Und Jesus ging vorüber und sah einen Menschen, der blind geboren war. Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: Rabbi, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist? Jesus antwortete: Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm. Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist; es kommt die Nacht, da niemand wirken kann. Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt. Als er das gesagt hatte, spuckte er auf die Erde, machte daraus einen Brei und strich den Brei auf die Augen des Blinden und sprach zu ihm: Geh zu dem Teich Siloah – das heißt übersetzt: gesandt – und wasche dich! Da ging er hin und wusch sich und kam sehend wieder.

Gebet

Herr, lass meine Lippen dein Wort veründigen und segne unser Hören und Verstehen und entzünde unsere Herzen mit Liebe zu dir und deinem Wort. Amen.

Predigt

Ein Heilungswunder, oha!

Vermintes Gelände, in dem man als Prediger leicht nach zwei Seiten von der Kanzel fallen kann: Entweder fängt man an zu entmythologisieren und alegorisieren – sich den Text also passend zu machen, indem man Wunder wegerklärt und alles nur bildhaft versteht – oder man fragt bedeutungsvoll, warum es heute, tatsächlich oder vermeintlich, so selten Wunder gibt.

Beides wird dem Text nicht gerecht! Es geht nicht um kluge Gedankenspiele und auch nicht um moralisierende Rechthaberei nach dem Motto: Karma is a bitch, also der durchaus schadenfrohen Feststellung, dass einem böse Taten irgendwann auf die eigenen Füße fallen.

Damals wie heute war für viele Leute klar: Wem es dreckig geht, der hat etwas ausgefressen, entweder er selbst oder seine Eltern – natürlich auch: entweder sie selbst oder ihre Eltern: Drogen genommen vielleicht, sich beim Fremdgehen eine Syphillis eingefangen, den falschen Partner geheiratet – alle hatten davor gewarnt – oder was auch immer. Nichts kommt von ungefähr: Karma is a bitch.

Davon will Jesus aber nichts wissen: Er hält sich nicht mit der Frage nach dem Warum auf, sondern er blickt nach vorne. So komisch es klingt: Jesus nutzt die Erbblindheit dieses Mannes als Chance zur Verkündigung, der Verkündigung seiner selbst und mit ihm des Reiches Gottes.

Wie macht er das? Er spuckt auf den Boden, in den Staub der da liegt, und formt daraus einen Brei.

Ein bisschen unappetitlich, oder?

Unappetitlich vielleicht, aber ein starker Hinweis auf den Schöpfungsbericht im 2. Kapitel der Genesis: “Da machte Gott der HERR den Menschen aus Staub von der Erde und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen.” Hammer, oder?

Jesus stapelt hier nicht tief, sondern offenbart sich als der Gott, der uns erschaffen hat: uns, den Adam – und wir wissen, dass Adam, der erste Mensch, aus dem Staub des Erdbodens geformt worden war. Aber es geht noch weiter. Er fordert den Blinden auf, den Erbblinden wohlgemerkt: “Geh zu dem Teich Siloah und wasche dich!”

Hätte es denn nicht schlichtes Wasser sein können, irgendwelches Wasser, um den Staub abzuwaschen? Musste es denn ausgerechnet Wasser aus dem Teich Siloah sein? Ja, musste es!

Übersetzt heißt Siloah “der Gesandte”, hört, hört! Jesus erhebt damit also einerseits den Anspruch, der Messias zu sein (der von Gott Gesandte!), und andererseits offenbart er sich als Gott selbst: Gott selbst ist der Gesandte.

In Jesus Christus “wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig” heißt es an anderer Stelle, nämlich im Kolosserbrief des Apostels Paulus.

Was heißt das alles nun für uns?

  1. Wunder gibt es, und wenn und wo sie vorkommen, sind sie ein Hinweis darauf, dass Gott selbst am Werk ist, und dass das Kommen seines Reichs in und durch Jesus Christus begonnen hat. Die römisch-katholische Kirche zum Beispiel prüft deshalb Wunder sehr genau.
  2. Als Lutheraner wissen wir sehr genau, dass die Welt in Ursache und Wirkung, Schuld und Strafe denkt. Wir erfahren es jeden Tag. Doch wir wissen auch: Gott tickt radikal anders: Wir müssen und können uns seine Liebe nicht verdienen: Der Erbblinde hatte bei seinen Zeitgenossen schlechte Karten, bei Gott aber das große Los gezogen.

“Wer glaubt, der hat es; wer aber nicht glaubt, der hat nichts”, schreibt Luther im Hinblick auf das Abenmahl, und trifft es genau auf den Punkt: Selbstverständlich hätte sich der Blinde verweigern und den Matsch, der auf seine Augen geschmiert worden war, empört abwaschen können:

Ehrenwort: Wie viele von uns hätten das getan?

Der Blinde aber glaubte Jesu Worten, ging zum Teich Siloah und wusch sich. Ergebnis: Er wurde sehend!

Gott lässt sich nicht anders erkennen als durch den Glauben, und der Glaube kommt durch die Predigt, sprich: durch Gottes Wort.

Die Predigt des Evangeliums, und das wird auch im heutigen Predigttext sehr deutlich, lässt sich leicht zusammenfassen: Sola Gratia (allein durch Gnade). Der Mensch wird von Gott völlig unverdient gerettet.

Den Himmel kann man sich nicht verdienen, auch die Eltern können das nicht für einen tun. Das Himmelreich lässt sich nicht vererben.

Der Glaube ist der einzige Weg, Gottes unverdiente Gnade zu ergreifen: Sola Fide (allein der Glaube)! “Wer glaubt, der hat es; wer aber nicht glaubt, der hat nichts.”

Christus ist derjenige, durch den das Reich Gottes zu uns kommt: Solus Christus (allein Christus).

Das alles erfahren wir aus der Heiligen Schrift, die allein uns darüber Auskunft gibt: Sola Scriptura!

Schließlich: Alles, was geschieht, geschieht durch Gott. Ihm allein sei Lob und Ehre: Soli Deo Gloria.

Karma is a bitch? Ja, definitiv, aber Christus durchbricht das Karma. Es hat keine Macht mehr über uns, weil Christus uns zu neuem Leben beruft. Er führt uns aus dem Dunkel unserer Vergangenheit zum Licht seiner Herrlichkeit. Wenn wir an ihn glauben und uns ihm anvertrauen, dann ist alles möglich; und das alleine ist schon ein Wunder: das Wunder des Glaubens.

Amen.

Gebet

Lieber himmlischer Vater, wir danken dir für dein Wort, das du uns heute in die Herzen gesprochen hast. Schenke uns durch die Kraft des Heiligen Geistes nicht nur Hörer deines Wortes, sondern auch Täter deines Willens zu sein, und stärke uns mit deiner Liebe und deinem Segen, damit wir gut durch die neue Woche kommen. Das bitten wir dich, durch Jesus Christus, unseren Herrn. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

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