Von wegen “stroherne Epistel”

April 28th, 2020

“Gott straft uns”, äußern die üblichen Verdächtigen vorschnell. Gott verursache die Pandemie, weil einfach zu vieles falsch laufe bei uns. Im Gegensatz dazu findet der Vorsitzende der römisch-katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, die Corona-Krise habe das Zeug zum “Glücksfall der Geschichte”. Was stimmt denn nun, oder ist die Frage falsch gestellt.

Es ist so selbstverständlich geworden, für alles eine rationale Erklärung zu erwarten: Wie kommt das, was ist die Ursache? Ich bin mir aber völlig sicher, dass Gott weder die Strafprediger noch Herrn Bätzing um Rat gefragt oder sie in seine Pläne eingeweiht hat. Deshalb sind ihre Erklärungen alle wohlfeil. Weder die einen noch die anderen können den Grund der Pandemie oder die Absicht dahinter erklären. Im Brief des Jakobus (5:11) heißt es: “Von der Geduld Hiobs habt ihr gehört und habt gesehen, zu welchem Ende es der Herr geführt hat; denn der Herr ist barmherzig und ein Erbarmer.”

Auch wenn Luther den Jakobusbrief “stroherne Epistel” genannt hat, in Krisenzeiten erweist sich sein Gewicht. Während Rationalisten auf Erklärungen aus sind und Romantiker nach Erleichterungen streben, erinnert Jakobus an die christliche Tugend der Geduld. Auch im Psalter ist davon die Rede: “Sie hofften auf dich und wurden nicht zuschanden (Psalm 22). Geduld im jüdisch-christlichen Sinne ist aber keine stoische Ruhe, im Gegenteil! In die Geduld mischen sich Klage, “mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?” und Zuversicht: “Gott ist unsre Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben.” Diese Glaubensgwissheit findet sich in Psalm 46. Martin Luther machte daraus das bekannte Kirchenlied “Ein feste Burg ist unser Gott“. Es entstand in einer Zeit der Krise.

Schlechte Zeiten rücken uns neu ins Bewusstsein: Aufgabe der Kirche ist es nicht, nach rationalen Erklärungen zu suchen oder romantischen Kitsch zu predigen. Aufgabe der Kirche ist es, aus Glaube, Liebe und Hoffnung zu leben. Das Ausharren und Mitleiden mit allen, die in Kristenzeiten leiden. Darin drückt sich die Zuversicht des Glaubens aus, im Großen wie im Kleinen: „Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein“ (Offenbarung 21:4).

Aus dieser Zuversicht erwachsen neue Möglichkeiten, neuer Respekt vor der Heiligkeit Gottes, um die es den Strafpredigern geht, eine neue “Kultur von Achtsamkeit und Verbundenheit”, auf die Bätzing setzt, und ein neues Herangehen in der wissenschaftlichen Forschung. Vielleicht auch neue Einsichten und politische Klugheit für jene, die es in Staat und Gesellschaft in Spitzenpositionen drängt. Man soll die Hoffnung jedenfalls nicht aufgeben.

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