Selbstbetrug

November 7th, 2015

Auf Facebook macht derzeit ein Leserbrief die Runde. “Selbstkastration” ist er überschrieben. Tenor: kulturelle Selbstaufgabe um der Integration willen. Kein Moslem käme auf die Idee, Gleiches zu tun und beispielsweise den Ramadan umzubenennen. Ich glaube, der Leserbriefschreiber macht sich selber froh und uns was vor.

Es mag ja durchaus sein, dass immer noch viele Eltern an Martinszügen teilnehmen, aber sie nehmen mit der gleichen Begeisterung auch an Laternenfesten teil. Der religiöse Bezug spielt nämlich überhaupt keine Rolle. Es geht ausschließlich um Tradition. So verhält es sich übrigens auch mit den noch relativ gut besuchten Weihnachtsgottesdiensten: Tradition. Niemand würde deshalb glauben, dass der Tod Folge der Sünde ist, und das niedliche Christkind als Erwachsener Mann für eben diese Sünde an ein Kreuz geschlagen wurde. Die Geschichte mit der Krippe hat längst eine profane Umdeutung erfahren: Kinderfest, Lichterfest, Gemeinschaftserlebnis. Der Bezug auf den Ramadan ist also komplett sinnfrei, denn anders als unsere “christlichen” Feste ist der Ramadan ganz eindeutig ein religiöses Fest.

Muslime fasten einen Monat lang, weil sie glauben, im neunten Monat des islamischen Mondkalenders sei der Koran auf die Erde herabgesandt worden. Daher würde man diesen Monat selbstverständlich niemals “Fröhlicher Diätmonat” nennen.
Die Vorschläge zur Umbenennung ursprünglich christlicher Feste und Feiertage kommen im übrigen auch nicht von Muslimen – noch ein Grund, warum der Bezug auf den Ramadan völliger Käse ist. Sie kommen aus der Mitte der postchristlichen deutschen Gesellschaft, die bis in das Establishment der Amtskirchen hinein längst aufgehört hat, an den Inhalt der christlichen Feiertage zu glauben, und weil der Inhalt beliebig geworden ist, hängt auch kaum noch jemand an Bezeichnungen.

Sankt Martin eignet sich nicht zum Moslem Bashing. Es hält Alteingesessenen höchstens den Spiegel vor: “Du lebst längst in einer kulturell atomisierten Gesellschaft.”

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