Die Auch-Gesellschaft

January 30th, 2016

“Mal bin ich liberal, mal bin ich konservativ, mal bin ich christlich-sozial – und das macht die CDU aus.” Dieses Zitat von Angela Merkel ist in vieler Hinsicht bemerkenswert. Erstens weil sie sagt, dass ihre politische Tagesform die CDU ausmacht und zweitens weil sie ein typisch deutsches Phänomen beschreibt: die Auch-Gesellschaft. Sie ist nichts richtig, aber alles auch. Die Auch-Gesellschaft betont die Freiheit des Einzelnen und reagiert allergisch, wenn sich einzelne zusammentun.

Angela Merkel kommt aus einem evangelischen Pfarrhaus. Die Evangelische Kirche, so wie wir sie heute kennen, liefert quasi die Blaupause für die Auch-Gesellschaft: identitätsstiftend ist nicht ein gemeinsames Bekenntnis, sondern die Abgrenzung zur römisch-katholischen Kirche. Man gibt sich liberal. Die Bibel betrachtet man als Glaubenszeugnis ihrer Verfasser, weshalb man sie heute kritisch liest ist und ihr moderne Glaubenszeugnisse zugesellt. Damit ist die EKD als Identitätsstifterin und Wertevermittlerin weggefallen. Sie ist allenfalls noch Werteverwerterin. Sie definiert sich nicht mehr durch einen gemeinsamen Glauben, sondern nur noch durch das Maß an gesellschaftlicher Akzeptanz. Sie will in erster Linie Volkskirche sein.

Der EKD gehören viele Millionen Mitglieder an, und deshalb hat sie ohne Zweifel Einfluss auf das kulturelle Selbstverständnis der gesamten Gesellschaft. Identitätsstiftend ist auch hier nicht mehr ein gemeinsamer Wertekanon, sondern die grundsätzliche Abgrenzung von der braunen Zeit und einstweilige Abgrenzungen, wie etwa der Ablehnung des angelsächsischen freien Spiels der Kräfte. Politische wie religiöse Grundüberzeugungen beurteilt man im Wesentlichen unter dem Gesichtspunkt der Opportunität. Die Volksparteien machen es also wie die Volkskirche.

Weder die EKD noch die Gesellschaft vermittelt ein aufrichtiges, natürliches Gruppengefühl, und das ist kein Zufall, sondern gewollt. Gruppen werden generell nicht als Bereicherung angesehen, sondern als Angriff Die Journalistin Mely Kiyak lieferte mit ihrem SELK-Bashing in der Wochenzeitung “Die Zeit” ein schönes Beispiel dafür. Die Auch-Gesellschaft möchte eine für alle sein und wehrt sich deshalb gegen jede Art von vermeintlicher Parallelgesellschaft. In der Auch-Gesellschaft wird es allenfalls noch dem Einzelnen zugestanden, seine Sicht der Dinge zu haben. Vertreten Gruppen eine singuläre Anschauung, sieht sich die Auch-Gesellschaft ihre Integrität bedroht.

Die Auch-Gesellschaft gibt sich inklusiv, aber um den Preis ständiger Exklusion. Sie ist eine sich atomisierende Gesellschaft mit dem Reflex, alle Gegenbewegungen, die nicht ins Raster passen, zu verurteilen. Eine solche Gesellschaft ist nicht integrationsfähig, und auf Dauer kann und wird das nicht gut gehen, gerade in einer immer pluralistischer werdenden Gesellschaft.

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