Weihnachten im Wandel
Vom Fest zur Party
von Rainer Beel
© 2010 Rainer Beel
Was ist eigentlich Weihnachten? Diese Frage ist heute gar nicht mehr so einfach zu beantworten. In dem Fest mischen sich religiöse wie profane Überlieferungen und Gepflogenheiten. Ob man zur Kirche geht oder nicht, Engel oder Elfen als Baumschmuck nimmt, ob man Grußkarten mit christlichem oder spaßigem Motto verschickt: Weihnachten bietet für jeden etwas, auch im Fernsehen. Vom Märchenfilm bis zur Ansprache des Bundespräsidenten ist alles dabei. Kein Wunder, dass Münchener Meinungsforscher bereits 2002 feststellten: Kinder feiern Weihnachten aus ganz unterschiedlichen Gründen.

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Das ist auch weltweit so. Während sich Scheich Yusuf ar-Qaradawi über weihnachtlich geschmückte Geschäfte und Straßen in Katar ärgert und deutsche Muslime Plätzchen backen, ist Weihnachten für zwei Drittel der Deutschen kein religiöses Fest mehr. (1) Ähnliches gilt für ganz Westeuropa. Gefeiert wird trotzdem. Wegen der Kinder und weil der Termin unausweichlich ist.

Weihnachten ist heute vor allem ein Gemeinschaftserlebnis. Zwar wird die Frage nach der Bedeutung der Feiertage ganz unterschiedlich beantwortet, aber als Grundkonsens gilt: Zu Weihnachten begegnet man sich mit Freundlichkeit und Anteilnahme. Es werden Geschenke gemacht, gute Wünsche ausgesprochen, Parties organisiert und Spenden gesammelt. Familien treffen sich, Freunde kommen zusammen und Kollegen feiern. Damit ist Weihnachten wieder einem Volksfest geworden.

354 nach Christus fand das Fest zum ersten Mal Ende Dezember statt. Die frühe katholische Kirche feierte die Geburt Christi wenn überhaupt am 6. Januar. Vermutlich ging es bei der Festsetzung des Termins auf den 25. Dezember darum, dem römischen Festtag zu Ehren des unbesiegbaren Sonnengottes (Sol Invictus) eine neue Bedeutung zu geben. Germanische Sonnenwendfeiern spielten bei diesen Überlegungen keine Rolle, denn die Christianisierung der Germanen begann erst später.

Über die Jahrhunderte hinweg hat sich das Weihnachtsfest ständig verändert. So wie wir es heute kennen, ist es ein Überbleibsel aus dem Kaiserreich. Aus diesem Grund haben viele Deutsche ein gespaltenes Verhältnis zu den Festtagen. Die bürgerlichen Vorstellungen von damals passen nicht mehr zu den gesellschaftlichen Realitäten von heute. Nur noch rund 60 Prozent der Deutschen sind Kirchenmitglieder. Fast 40 Prozent der Ehen scheitern. Mit Patchworkfamilien, Wohngemeinschaften und gleichgeschlechtlichen Paaren sind neue Strukturen des Zusammenlebens entstanden. Die Zahl derer wächst, die mit der traditionellen Idee von Weihnachten nicht Harmonie und Glück, sondern Krise und Erwartungsdruck verbinden. Da Weihnachten jedoch - nicht zuletzt wegen der Vermarktung! - noch immer das größte Ereignis im Kalenderjahr ist, entwickeln die Deutschen heute neue Ideen für die Weihnachtszeit. Ob Kirche oder Karibik, still oder schrill, jeder entscheidet selbst, was für ihn Weihnachten ist und wie er es verbringt.

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(1) Laut einer repräsentativen Umfrage waren 2009 69,4 % der Deutschen überzeugt, dass Weihnachten keine religiöse Bedeutung mehr hat

(2) 2007 gehörten nach einer Statistik der EKD 63,4 Prozent der Deutschen einer Kirchen an


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