Predigt zum NRW-Tag des CJD
gehalten in der Wallfahrtskapelle Waldenburg

Wie wir eben gehört haben, wird dem Wasser hier eine heilende, eine wunderwirkende Kraft zugeschrieben. Ich glaube, wir alle sehnen uns oft nach heilenden Quellen, nach Wundern; nach Wundern, die man sehen, die man fühlen, die man anfassen kann.
Diese Kapelle hier ist gleichsam Stein gewordener Ausdruck eben dieser Sehnsucht.

Ich zum Beispiel würde was drum geben, wenn mir der auferstandene Herr doch mal ein bischen näher käme; sich mir mal zeigte und so meine vielen, vielen  Zweifel ausräumte.
Bestimmt würden auch viele von Ihnen Jesus gerne mal anfassen, seine Narben befühlen, mit Ihren Fingern über seine Hände und Füsse fahren und so Ihren Unglauben wie mit klarem Wasser erfahrbar, real abwaschen können.

Vermutlich aber ist von uns noch keiner Jesus je persönlich begegnet. Niemand von uns hat selbst das leere Grab gesehen, mit den Engeln gesprochen oder mit Jesus Fisch gegessen. Auch dürfte wohl noch niemand hier mit ihm nach Emmaus oder woanders hin gewandert sein.

Aber, obwohl auch ich Jesus noch nie wirklich habe anfassen können, glaube ich doch, hier und da schon etwas von der Kraft gestreift zu haben, auf die ich hoffe.

Haben Sie das Handeln Gottes in unserer Zeit und Welt auch schon mal, zumindest ansatzweise gespürt? Privat aber auch bei Ihrer Arbeit im CJD?

Es ist doch klasse - in manchen Fällen geradezu ein wahres Wunder - Leute, gerade auch junge Leute, Holz- und Irrwege verlassen zu sehen, Schüler und Auszubildende von Pfaden, die mit Sicherheit in den Abgrund geführt hätten, plötzlich in Richtungen laufen zu sehen, die Zukunft bedeuten.

Wer glauben kann, ohne zu sehen, ist selig. Die meisten von uns aber sind, wie ich, eher kleine Thomase sein. Thomase, die die wunderwirkende Kraft Gottes von Zeit zu Zeit sehen und erleben müssen, um im Glauben bleiben zu können, um selbst Teil dieser wunderwirkenden Kraft Gottes sein zu können.
Daher sollte jeder von uns, der schon eigene Erfahrungen mit dem Wunderwirken Gottes gemacht hat, unbedingt davon berichten; sollte sagen, warum und weshalb er also glaubt; was er so alles gesehen und erlebt hat.

Wenn wir die Wunden, die uns das Leben reisst, von Christus heilen lassen, werden sie zu Narben; Narben, die wir herzeigen können, Narben, die von der heilenden, wunderwirkenden Kraft Gottes zeugen - sicht- und fühlbar.
Diese Narben sind anfassbar, berührbar, betastbar für jene, die häufig so sehr auf der Suche nach einem spürbaren Zeichen für die Kraft Gottes sind; jene, für die wir beruflich und privat Verantwortung tragen, die uns anvertaut sind.

Möchten Sie echte Wunder sehen? Ich schon!
Ich zeige Ihnen meine; zeigen Sie mir Ihre...

Amen.



Adventspredigt
Textgrundlage: Markus 13, 24-37

Ich gebe gerne zu, dass es ist nicht so mein Ding ist, wenn mich jemand warten lässt. Stundenlange Sitzerei beim Arzt, das Warten vor roten Ampeln oder das Herumzockeln hinter selbsternannten Verkehrserziehern lassen meinen Puls steigen - vor Ärger.

Der Text aus der Bibel, den wir gerade gehört haben, fordert dennoch jeden von uns auf, sich einzulassen auf geduldiges Abwarten und Ausschau halten. Eine reichlich uncoole Forderung.
Wir sollen die Augen offen halten, die Dinge sich entwickeln lassen und darauf vertrauen, dass Gott uns schon nicht verstösst oder einem sehr ungewissen Schicksal überlässt.

Der Advent hat mit dem Kommen des Herrn zu tun. Weihnachtsdeko anbringen, Plätzchen backen, Grusskarten schreiben... Die Geburt des Herrn zu Weihnachten ist nur eine Art seines Kommens. Mittelpunkt unseres Glaubens ist die Überzeugung, dass Gott kommt, dass er zu uns kommt, dass er kommt, um uns zu stärken, zu erlösen und um sich uns zu offenbaren. Und daher ist es angemessen, wenn wir die Augen und Ohren offen halten, wenn wir gespannt sind auf alle Arten seines Kommens.

Der Herr kommt. Nur, wann, dass weiss niemand. Jede Menge Leute versuchen daraus verdammt schlechte Nachrichten zu machen: "Wisst ihr, ob ihr denn errettet werdet am Tag seines Kommens?" Wisst ihr, ob ihr in den Himmel kommt?" In der Regel wissen diese Leute dann auch sofort, was man denn tun muss, um am Tag X dabei zu sein. Dabei ist die Message hier - Gottes Zusicherung nämlich, dass die Zukunft offen ist - eine nur gute. Wir sollen einfach tun, was uns von Gott zu tun aufgetragen worden ist - und währenddessen schlicht unsere Augen und Ohren offen halten. Dass dürfte allerdings auch reichen, um uns auf Trapp zu halten. Für unfruchtbare Spekulationen darüber, was denn so abgehen wird am Tag seines Kommens, bleibt dann keine Zeit mehr.

Also: Kümmert Euch um die, die Eure Zuwendung brauchen, bestehlt Euch nicht untereinander und macht Euch nicht gegenseitig das Leben schwer. Helft Euch und nehmt die auf, die neu in Eure Grupe kommen. Versucht Frieden zu stiften, wo Streit herrscht und haltet zusammen. Keiner von uns kennt die Zukunft. Gott sei Dank! So bleiben wir nämlich frei zu tun, was zu tun ist und können hoffen. Wie auch immer die Ankunft des Herrn sein wird, sie wird bestimmt überraschend und cool sein. So cool wie die Geburt, die wir in zwei Wochen feiern werden.

Haltet die Augen offen, bleibt dran, bleibt dran am Leben und lasst den Mut nicht sinken. Krankheit, Schwierigkeiten am Arbeitsplatz, Ärger mit den Lehrern und den Sozis... Wir Menschen haben es schon drauf, uns gegenseitig fertig zu machen. Wenn Ihr im Dunkeln eine Strasse entlang geht, könnt ihr immer nur so weit sehen wie das Licht reicht. Wenn Ihr aber weiter geht, kommt neues Licht - so lange, bis Ihr endlich ankommt. Unser irdisches Leben ist ein Weg, nicht das Ziel. Also sitzt nicht herum und gafft - das ist hier nicht gemeint, sondern haltet die Augen offen: "Hey, guck mal da!" Das ist Eure Adventaufgabe: Wacht, haltet Augen und Ohren offen - und wartet. Wartet es ab. Gott wird so manche Überraschung für Euch parat haben.

Amen.



Hoffnung für die Zukunft
Gedanken zum Kolosserbrief

Frei wollten sie sein, die Kolosser. Frei von Sünde und Angst, frei von Schuld und Krankheit und frei von Verzweiflung und Furcht.
Frei von allem, was sie fertig machte und sie an ihrem Glauben zweifeln, manchmal sogar verzweifeln liess.

Quälende Fragen drängten sich auf:
"Wollte Gott uns nicht durch den Tod seines Sohnes Jesus Christus, in den wir doch hineingetauft worden sind, von aller Last unserer Vergangenheit, von allem Gestank der Gosse befreien?
Sollten wir vor IHM nicht neue Menschen sein, Menschen deren Gebete ER erhört? Woran liegt es dann nur, dass wir immer wieder mit denselben Anliegen vor Gott kommen, ohne dass sich etwas tut?
Haben wir nicht unser Innerstes nach aussen gekrempelt, ohne dadurch Gott auch nur einen Schritt näher gekommen zu sein?"

Liebe Geschwister, kennt Ihr solche Fragen? Ich ja!

Als ich vor fast 13 Jahren von einem auf den anderen Tag in bittere persönliche Not kam, wurde mir plötzlich bewusst, wie selbstverständlich, ja mitunter gedankenlos ich als Kind Gottes seit meiner Taufe gelebt hatte. Zwar hatte ich von Gottes Gegenwart immer gewusst, sein Wort gesucht und auch regelmässig gebetet, aber dennoch war mein Leben kaum von Gottes Geist geprägt gewesen. Mein Glaube hatte wenig Frucht gebracht!
Schmerzlich, allzu schmerzlich wurde mir klar, dass ich meine eigenen Wege gegangen und auch prompt im Dreck gelandet war.

Konnte ich denn nun meiner Erlösung noch gewiss sein? War ich nicht vielmehr wegen all der Schuld, die ich mir in meinem Leben schon aufgeladen hatte, unentrinnbar der ewigen Verdammnis ausgeliefert? Würde Gott mir überhaupt noch vergeben?
Ich breitete mein ganzes Leben vor Gott aus; bekannte ihm jede einzelne Schuld, an die ich mich erinnern konnte; aber Gott schien zu schweigen.

Voller Angst las ich im Alten Testament von einer Reihe von Vergehen, die Gott mit dem Tod bestrafen will und wusste, dass er damit auch sein Urteil über mich gesprochen hatte. Jetzt blieb mir nur noch Christus!
Ich flehte ihn an, mir zu vergeben und mich an seinem Sühnetod teilhaben zu lassen, aber ich fand trotzdem keine Ruhe. Ich spürte einfach nichts von seiner Vergebung. Ausserdem: Wollte ich mich nicht vor langer Zeit um einer bestimmten Sache willen von Gott lossagen? Lieber mit dem Teufel im Bunde meinen Kopf durchsetzen als mich Gottes Führung beugen? Ja, ich hatte mich losgesagt, auch wenn ich zwei Sekunden später auf den Knien lag und Gott um Vergebung bat. Aber: Hatte ich damit nicht die Sünde gegen den Heiligen Geist begangen? War ich also "ewiger Sünde" schuldig, wie es bei Markus heisst?

Liebe Geschwister, ich weiss nicht, wer von Euch einmal ähnliches durchgemacht hat. Besonders toll ist einem in einer solchen Situation nicht zumute!

"Ohne das Gesetz, das uns tötet, gibt es keine Begegnung mit Gott", schrieb der Theologe Julius Schniewind und fügte hinzu, "dass es in den meisten Fällen erst im Erwachsenenalter deutlich wird, wie tief das Todesurteil des Gesetzes greift".

Aus eigener Erfahrung stimme ich dem voll zu, weiss aber auch, dass es nur dem Gläubigen möglich ist, in einer solchen Bedrängnis allein auf Christus zu setzen, denn für den Ungläubigen bleibt das Heilsgeschehen eine blosse Möglichkeit.

Wie war das nun in Kolossä? Wie die dortige Gemeinde im einzelnen entstand, wissen wir heute nicht mehr. Gut möglich, dass Epaphras und Philemon, zwei Mänern aus Kolossä also, die zuvor während des dreijährigen Wirkens des Paulus in Ephesus Christen geworden waren, das Evangelium in ihrer Heimat verbreitet hatten. Was wir aber mit Bestimmtheit über die Entstehung der christlichen Gemeinde zu Kolossä sagen können, ist, dass sie eine Frucht des Evangeliums war; des Wortes der Wahrheit also, wie Paulus im ersten Kapitel des Kolosserbriefes schreibt.

"Das Wort, das aus meinem Munde geht, wird nicht wieder leer zu mir zurückkommen, sondern wird tun, was mir gefällt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sende", heisst es bei Jesaja. Gottes Wort ist also ein schöpferisches Wort, durch das er nicht nur die Welt erschaffen hat, sondern durch das er auch seine Kirche baut und erhält. Der Grund der Kirche, was die Kirche zur Kirche macht, ist die Predigt des Evangeliums! Menschen können ihr keinen festen Bestand geben oder sie gefährden - sowenig wie sie den Himmel stützen oder ihn einreissen können. Sie ist nicht von unten, vom Menschen her zu verstehen, sondern ausschliesslich von oben, alleine von Gott her.

Wie wenig aber gerade wir Christen diese Lektion des Paulus begriffen haben, zeigt sich an der Tatsache, dass wir immer wieder versuchen, die Kirche an Äusserlichkeiten festzumachen. So erklärte mir mal jemand aus dem Vorstand des Siegerländer Gemeinschaftsverbandes, die Bezeichnung "Kirche" sei falsch; es müsse "Gemeinde" heissen. Nun steht aber unser deutsches Wort "Kirche" nicht quasi exklusiv für eine bestimmte Institution, sondern bedeutet schlicht "Versammlung"; griechisch "kyria", lateinisch "curia". Daher bilden die Begriffe Kirche und Gemeinde auch keine Gegensätze - übrigens ebensowenig wie die Begriffe Kirche und Gemeinschaft.
Natürlich war mir klar, was er damit sagen wollte: Kirche ist für uns nicht biblische Gemeinde. Aber was auch immer man unter "biblischer Gemeinde" versteht, nicht unsere Frömmigkeit, nicht sichtbare Reinheit, was unseren Glauben und unsere Lebensführung angeht, oder äussere Einheit sind die Merkmale biblischer Gemeinde. Die Kirche Jesu Christi zeigt sich vielmehr da, wo der Heilige Geist Menschen durch das Evangelium zum Glauben ruft, sie mit seinen Gaben erleuchtet und sie im rechten Glauben heiligt und erhält.

Der Heilige Geist ist die bewusstseinsbildende Kraft des göttlichen Wortes von Christus dem Herrn; er ist es, der in uns den rechten Glauben weckt und damit die Kirche gründet und trägt. Der Heilige Geist ist eine schöpferische Kraft, denn in ihm ist Christus selbst gegenwärtig. Wir sind in Christus, weil er in und um uns ist. Wer durch die Taufe Christus zugeeignet und in die Gemeinde eingegliedert worden ist, so dass er in ihr unter dem Wort lebt, ist "en pneumati" (im Geist). Er ist dem Wirken des Geistes ausgeliefert, er muss aber auch immer wieder aufgerufen werden, das Wirken des Geistes an sich geschehen zu lassen, d.h. aus Glauben zu leben.

Die Menschen, die sich zur Abfassungszeit des Kolosserbriefes zu der dortigen Gemeinde zählten, waren erst vor kurzem Christen geworden. So waren ihre Erinnerungen daran, wie es vorher mit ihnen gestanden hatte, noch ganz frisch. Im Rückblick fiel es ihnen daher auch nicht schwer, das Heilshandeln Christi in ihrem Leben zu erkennen.

Liebe Schwestern und Brüder, bei uns ist das schon schwieriger.
Wer von uns, die wir heute abend hier sitzen, hat schon eine tatsächliche Bekehrung aus Judentum oder echtem Heidentum erfahren? Ich jedenfalls nicht. Auch Atheist bin ich nie gewesen. Der Kolosserbrief war ja gerichtet an eine junge Gemeinde in Kleinasien. Damals waren die Verhältnisse ganz anders als heute.

Wo liegt also für uns Christen des ausgehenden 21sten Jahrhunderts die Bedeutung des Kolosserbriefes?

Ich will eine kurze Antwort versuchen: Paulus schrieb seine Briefe, damit sie in den Gemeinden vorgelesen werden sollten; und das erinnert uns daran, dass auch wir seine Briefe nicht in ruhiger Abgeschiedenheit, weit weg von Kirche und Gemeinde, sondern nur gemeinsam, in gegenseitigem Austausch verstehen können. Nur in der Gemeinschaft mit anderen Christen können wir erwarten, die Fülle des uns gegebenen Wortes Gottes mehr und mehr ergründen zu können, ohne uns dabei an Einseitigkeiten festzubeissen.
Das bedeutet aktive Mitgliedschaft in der Ortsgemeinde und vielleicht auch noch in einigen christlichen Gruppen. Das bedeutet ebenso, auf das zu hören, was uns Christen anderer Prägung zu sagen haben.

Nur wenn wir nicht den Anschluss an die ganze Kirche verlieren, können wir verstehen, was Paulus - was das Evangelium - der ganzen Kirche sagt. Nur unter dieser Voraussetzung wird die Botschaft des Kolosserbriefes immer wieder neu erschlossen werden können.
Wie die Kolosser, so müssen auch wir im Glauben wachsen; wachsen in unserer Erkenntnis, wachsen in der Liebe und wachsen in der Hoffnung. Wir sind nicht die Kolosser, aber ebenso wie sie sind wir Christen. Damit haben auch wir auf das zu hören, was der heilige Paulus hier der ganzen Kirche schreibt.

"Wie ihr nun den Herrn Christus Jesus angenommen habt, so lebt in ihm und seid in ihm verwurzelt und gegründet und fest im Glauben, wie ihr gelehrt worden seid, und reichlich dankbar."

Christus, der Herr war ihnen verkündigt worden. Auf seinen Namen hatten sie sich in der Hoffnung taufen lassen, dass dieser Herr ihnen ihre Sünden vergibt, sie vom Tode erlöst und die ewige Seligkeit gibt, wie die Verheissung lautete. Ein kraftvolleres Bekenntnis zu ihm hätten sie kaum geben können. In dieser Hoffnung galt es nun zu bleiben. Der einzelne Christ (wie die ganze Kirche) braucht, ja darf nirgendwo sonst, bei nichts und niemandem, Vergebung für die Vergangenheit, Wachstum in der Gegenwart und Hoffnung für die Zukunft suchen als allein bei Christus dem Herrn. Eine Kirche, die es lernt, Gott in allen Dingen die Ehre zu geben, ist eine Kirche, die zu vollem Wachstum heranreift. Eine solche Kirche, die um ihre Erlösung weiss, erkennt man an der Dankbarkeit, die ein Zeichen dafür ist, dass sie bereits in einer neuen Zeit lebt.

"Seht zu, dass Euch niemand einfange durch Philosophie und leeren Trug, gegründet auf die Lehre von Menschen und auf die Mächte der Welt und nicht auf Christus. Denn in ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig, und an dieser Fülle habt ihr teil in ihm, der das Haupt aller Mächte und Gewalten ist."

Was meint Paulus eigentlich, wenn er hier vor einer Philosophie warnt, die auf die Lehre von Menschen gegründet ist, und was haben wir uns denn vorzustellen unter diesen Mächten der Welt, von denen der Apostel spricht?

Fragte man zur Zeit des Apostels Paulus einen griechischen Juden, was denn eigentlich der Kern seiner Religion sei, bekam man schon mal die Antwort: "Liebe zur Weisheit"; Philosophie also. So versuchte man sich in einem heidnischen Kulturkreis, der weltanschaulich von miteinander konkurrierenden philosophischen Schulen geprägt war, nach aussen hin verständlich zu machen. Auch Philo und Josephus, zwei jüdische Autoren des 1. Jahrhunderts, verwendeten das Wort Philosophie, um die jüdische Religion - oder einzelne jüdische Frömmigkeitsrichtungen - ihren heidnischen Zeitgenossen näherzubringen.
Philosophie - das ist das Stichwort für Paulus. Verächtlich bezeichnet nun auch er die jüdische Religion als Philosophie.
Statt der "Schätze der Weisheit und der Erkenntnis", die die Kolosser doch in Christus besitzen, hat diese Philosophie (die jüdische Religion also) nur "die Lehre von Menschen" zu bieten.

Schon Jesaja und später auch Jesus polemisierten gegen die Erstarrung des Glaubens zu leblosem Kult. "Wie fein hat von euch Heuchlern Jesaja geweissagt", fertigt Jesus im Markusevangelium die Pharisäer ab: "Dies Volk ehrt mich mit den Lippen; aber ihr Herz ist fern von mir. Vergeblich dienen sie mir, weil sie lehren solche Lehren, die nichts sind als Menschengebote. Ihr verlasst Gottes Gebot und haltet der Menschen Satzungen."
Wenn es um solche menschliche Satzungen (wie die Lehren der diversen rabbinischen Schulen) ging, wer kannte sich da besser aus als der ehemalige Pharisäer und Schriftgelehrte Paulus?! Daher auch seine Warnung an die frisch gebackenen Christen in Kolossä, aber auch in Laodizea und anderswo, sich um Himmels willen nicht von der jüdischen Religion, dieser "Philosophie", diesem "leeren Trug" einfangen zu lassen.

Was aber hat es mit den "Mächten der Welt" auf sich, von denen Paulus im zweiten Teil des 8. Verses spricht?
Gemeint sind Göttinnen und Götter, von denen man annahm, dass sie über die verschiedenen Gegenden und Völker der Erde regierten.

Aber rechnete Paulus tatsächlich mit der Existenz solcher Gottheiten?
Im 1. Korintherbrief schreibt der Apostel dazu: "...wir wissen, dass es keine Götzen gibt in der Welt und keinen Gott als den einen. Und obwohl es solche gibt, die Götter genannt werden, sei es im Himmel oder auf Erden, wie es ja viele Götter und viele Herren gibt, so haben wir doch nur einen Gott, den Vater, von dem alle Dinge sind und wir zu ihm; und einen Herrn, Jesus Christus, durch den alle Dinge sind und wir durch ihn."

Die Götter mögen also irgendeine nebulöse Art der Existenz haben, Gott sind sie jedoch nicht. Auf jeden Fall existierten sie in der damaligen Zeit in dem Sinne, dass die Heiden an sie glaubten und sie fürchteten. So tat man gut daran, die Verehrung, die die Menschen in Ephesus und andernorts der Göttin Diana entgegenbrachten, nicht zu unterschätzen. Die Apostelgeschichte weiss davon zu berichten!
Im wesentlichen lässt sich Paulus Standpunkt bezüglich der Mächte und Gewalten in 3 Punkten zusammenfassen:
1. Punkt: Christus ist der Herr über alle Völker und über alle Mächte und Gewalten aus der zwielichtigen Welt des Aberlaubens.
2.Punkt: Da die Kolosser nun zu Christus gehören, sind sie dem Einflussbereich der Götter des Aberglaubens und der Mythologien entzogen. Sie sind jetzt Teil des einen, alle Grenzen übergreifenden Volkes Gottes!
3. Punkt: Was die Juden mit ihrer Religion den Kolossern anzubieten haben, ist nicht mehr als eine Nationalreligion - auf rein weltlicher Ebene zusammengebastelt, so wie andere Volkes- und Stammesreligionen auch.

Nur in Christus ist der eine, einzige Gott wirklich zu finden; in ihm lebt er ganz und gar. Daher ist dieser Christus auch nicht eine Gottheit neben Gott, denn seine Kraft - seine Allmacht - ist die Kraft des Vaters, des einen Gottes Abrahams, Isaacs und Jakobs. Weil ihr in ihm seid und er in euch, habt ihr nun teil an allem Reichtum Gottes, an seiner ganzen Liebe und Kraft.

Paulus schreibt weiter: "In ihm seid ihr auch beschnitten worden mit einer Beschneidung, die nicht mit Händen geschieht, als ihr nämlich euer fleischliches Wesen ablegtet in der Beschneidung durch Christus. Mit ihm seid ihr begraben worden durch die Taufe; mit ihm seid ihr auch auferstanden durch den Glauben aus der Kraft Gottes, der ihn auferweckt hat von den Toten."
Einer Beschneidung nach jüdischem Ritus brauchten sich die Kolosser nicht mehr zu unterziehen, da sie bereits in einer ganz anderen Weise beschnitten worden waren: Im Sterben Jesu wurde Gottes Todesurteil über den sündigen Menschen vollstreckt. Durch die Taufe wird der Mensch, der sie empfängt, einmalig, geschichtlich fassbar und leibhaftig in den stellvertretenden Sühnetod Jesu Christi mit einbezogen. Die Getauften stehen also nicht mehr unter dem Todesurteil Gottes; sie sind mit Christus gestorben und begraben. Sie brauchen nie wieder zu versuchen, durch das Einhalten religiöser Spielregeln vor Gott zu bestehen.
Die Taufe zeigt, dass die Befreiung des Menschen aus allem Schmutz und Dreck niemals das Ergebnis menschlichen Tuns, sondern allein das Wunder des göttlichen Heilshandelns ist.

Es geht bei der Taufe nicht um ein Gefühl, um eine Erfahrung oder ein wie auch immer geartetes Erlebnis des Mitsterbens und Auferstehens. Dass Gott uns die Schmerzen, die mit einer Kreuzigung verbunden sind, nicht auferlegt hat, ist ein Grund zur Dankbarkeit. Gefordert ist vielmehr unser Glaube.
Wie die Tür eines Hauses oft deutlich macht, was für ein Gebäude man betritt, so zeigt sich in der Taufe, was es heisst, Christ zu sein: Allen alten Verflechtungen und Gewohnheiten immer wieder neu abzusagen (abzusterben) und den neuen Lebensstil, die Gepflogenheiten in der Familie Gottes anzunehmen - also ein neues Leben zu führen.
Der Glaube ist nicht nur einfach Glaube an Jesus Christus, sondern ein Vertrauen auf die Kraft Gottes, die ihn wieder von den Toten auferstehen liess. Darauf zu vertrauen, dass Gott der Vater Jesus von den Toten auferstehen liess, heisst an den Gott zu glauben, der Tote wieder lebendig macht.
Christen gehören zu einer neuen Welt, in der die Mächte und Gewalten der alten Welt keine Rolle mehr spielen.

Durch dieselbe Kraft, die Jesus von den Toten auferstehen liess, waren die Kolosser in die Familie dieser neuen Welt versetzt worden. Das heisst nun nicht, dass Christen schon in der Vollendung lebten. Auch das neue Leben, zu dem die Christen befreit sind, bleibt von den Anfechtungen und Härten der irdischen Existenz nicht verschont, sondern ist - im Gegenteil! - mehr denn je gefordert, gerade im Alltag die Bedeutung des Todes und der Auferstehung Jesu Christi deutlich werden zu lassen.
Paulus schrieb den Kolosserbrief, um den Christen des in der heutigen Westtürkei gelegenen Ortes zu versichern, dass sie tatsächlich bereits seit ihrer Taufe Bürger des Himmels waren. Ohne Zweifel bestand in dieser Botschaft die Gefahr des geistlichen Abhebens der Kolosser. Ebenso schlimm aber wäre es gewesen, der Apostel hätte sie darüber im unklaren gelassen. Wie hätten sie dann erfassen können, was es heisst, zu Christus zu gehören? So konnten sie sich an dem Reichtum, den sie in Christus besassen, freuen, Gott dafür danken und ein entsprechendes Leben führen.

Gerade evangelische Christen stehen in der Gefahr, aus Angst, der Kirche zu viel Bedeutung zuzumessen, an dieser Botschaft vorbeizugehen - und viele Pietisten suchen lieber die eigene Glaubenserfahrung als die Gemeinschaft in der Kirche.
Für Paulus ist die Kirche der Leib Christi, bereits jetzt im Himmel, zugleich aber auch gerufen zum Zeugnis und Leiden in dieser Welt.

Die Gewissheit, in Christus vollkommen zu sein, ist der beste Schutz gegen ein unreifes, halbherziges Christentum. Die ständige Suche nach geistlichen Neuerfahrungen, die unnötigen Sorgen und Ängste, die bohrenden Fragen: "Bin ich auch wirklich vor Gott gerecht, hat er mich auch tatsächlich angenommen?", der Stolz über kleine Erfolge... Das alles stellt sich unserem Glauben heute nicht minder stark entgegen, als es sich dem Glauben der Kolosser zu ihrer Zeit entgegen stellte. Ich weiss heute, dass meine Ängste und Zweifel von damals der pure Unglaube waren. Mir fehlte schlicht und einfach die Kraft des Vertrauens.
Euch
wünsche ich diese von ganzem Herzen.

Amen.



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