Der Siegerländer Gemeinschaftsverband -
Versuch einer theologischen Problemanzeige
Dass der Siegerländer allem Fremden gegenüber misstrauisch ist, nichts vom Karneval hält und entweder von Geschäftlichem oder aber von religiösen Dingen spricht, wird auch heute noch gerne von Zugereisten aller Art geäussert. Auf reformiertem Boden ist im Siegerland unter pietistisch-mystischem Einfluss eine Frömmigkeit eigener Art entstanden, die Land und Leute über annähernd 2 Jahrhunderte geprägt hat. Charakteristisch für das Siegerländer Versammlungswesen ist noch immer die starke Betonung des Laienelements.
Aber auch zwischen Afholderbach und Lützeln, zwischen Hohenhain und Walpersdorf bläst der calvinistische Geist schon längst nicht mehr aus vollen Backen. Kurz vor der Jahrtausendwende stellt sich die Siegerländer Gemeinschaftsbewegung in einer nicht besonders stabilen Verfassung dar. Die örtlichen Gemeinschaften sind oft überaltert; junge Familien wandern in Freikirchen ab. Der Gemeinschaftsverband als Ganzes ist in eine schwere Indentitätskrise geraten.
Die Gemeinschaften des Siegerlandes, die alle auf reformiertem Boden gewachsen sind, verbindet eine 145-jährige Geschichte mit dem reformierten Siegener Kirchenkreis. Viele Christen in den Gemeinschaften hoffen auf die stabilisierende Wirkung der Geschichte: Was früher gegolten und sich möglicherweise bewährt hat, müßte doch auch heute richtig sein - ohne allerdings zu bedenken, wie leicht eine Tradition zum Joch wird, wenn man nicht Menschen- und Zeitgebundenes klar von dem zu trennen weiss, was Gott gesetzt hat. Andere neigen aufgrund einer mangelnden oder defizitären Ekklesiologie zum Independentismus und zur Separation. Zwar begnügt man sich mancherorts nicht mehr mit der Aufrechterhaltung bestehender Strukturen, doch eine durchgreifende Strukturreform ist nicht in Sicht. Seit 1989 betrachtet der Evangelische Gemeinschaftsverband Siegerland und Nachbargebiete e.V. die reformatorischen Bekenntnisse nicht mehr als bindend. An ihre Stelle ist ein schier undurchdringliches Geflecht von Positionen, Schlussfolgerungen und Akzentuierungen getreten, in welchem ebenso bestimmte Schriftaussagen ausgeklammert wie andere betont werden.
Auffallend sind das Insistieren auf einer falsch verstandenen Wiedergeburt, ein einseitiges Heiligungsverständnis, das sich auf das persönliche Heil des Gläubigen konzentriert, ein charakteristisches Verständnis der Eschatologie, nämlich im Sinne des Millenianismus, verbunden mit wörtlicher Auslegung bildhafter Redeweisen der Heiligen Schrift (Visions- bzw. Traumbilder) bei strikter Absage an jede andere Deutung, und die Mißachtung der sozialen Dimension der christlichen Botschaft.
In Artikel 1 der Glaubensgrundsätze des Evangelischen Gemeinschaftsverbandes Siegerland und Nachbargebiete heißt es:
„Gott offenbart sich in seinem Wort unmissverständlich.“
Da man allerdings die biblischen Texte weder in ihrem jeweiligen historischen Bezug ausreichend ernst nimmt, noch versucht, sie in einen stimmigen Gesamtzusammenhang zu integrieren, wird die Bibel häufig zu einer Art Orakelbuch, dessen Inhalt wenig mit der ursprünglichen Absicht seiner Verfasser, aber viel mit der typischen Siegerländer Frömmigkeit des 19. und 20. Jahrhunderts zu tun hat. Das eigene Vorverständnis wird nicht hinterfragt und wirkt daher beim Interpretieren biblischer Texte wie ein Filter.
Einerseits betont man die Unfehlbarkeit und Eindeutigkeit der Heiligen Schrift, andererseits lässt man aber das reformatorische sola scriptura (allein die Schrift) oft nicht gelten: so wird das Abendmahl nur als symbolische Handlung aufgefasst: die Einsetzungsworte werden dementsprechend allegorisch ausgelegt, da man ihren unmittelbaren Wortsinn (Literalsinn) für wenig plausibel hält: der Massstab dieser Abendmahlsauffassung ist also nicht der eigentlich klare Wortlaut der Einsetzungsworte (Mt. 26, 26f.; Mk. 14, 22f.), sondern das menschliche Vorstellungsvermögen.
Die Bekenntnisschriften der evangelisch-lutherischen Kirche sind im reformierten Siegerland weitgehend unbekannt geblieben. Auch im Siegerländer Gemeinschaftsverband haben sie nie eine Rolle gespielt. Die typisch calvinistische Trennung von Schrift und Geist, später auch mystisch-schwärmerische Einflüsse, haben im Siegerland eine Frömmigkeit eigener Art entstehen lassen: man baut im Allgemeinen auf eine direkte, unvermittelte Wirkung des Heiligen Geistes. Im Verständnis vieler Siegerländer Christen teilt die Schrift zwar die Glaubensinhalte mit, wirkt aber nicht aus sich heraus den Glauben, denn dazu greift der Geist auch ohne äussere Mittel ein.
Nach Siegerländer Vorstellung empfängt der Mensch die Vergebung seiner Sünden und die Wiedergeburt nicht kraft des Heiligen Geistes durch das Evangelium, sondern durch ein direktes Einwirken Gottes auf das menschliche Herz. Die der Schrift innewohnende Macht des Geistes wird verkannt, die Heilsgewissheit nicht in der Schrift, sondern im persönlichen Erleben gesucht.
Konfessionelle Auseinandersetzungen über Fragen der christlichen Lehre werden häufig als unnötig oder sogar falsch erachtet:
„Streiten wir doch nicht auf Nebenkriegsschauplätzen,
diskutieren wir doch nicht länger über Kirchenmitglied-
schaft und dergleichen. Geht es denn darum, ob jemand
evangelisch oder katholisch oder sonstwas ist?
Sind das Themen, die im Himmel von Bedeutung sind?
Wir halten es für einen Schachzug des Feindes, der
uns in solche Aktivitäten hineinzerren will, damit wir ja
nicht dazu kommen, unsere eigentliche Aufgabe wahr-
zunehmen, die uns der Herr Jesus aufgetragen hat.“
Die Rechtfertigung wird mit der Heiligung vermischt und damit missverstanden. Das Evangelium erscheint nicht mehr als der effektive Zuspruch von Vergebung und Heil, sondern wird gesetzlich umgedeutet zur Stimulierung eines gottgefälligen Lebens; zugleich verliert die Gesetzespredigt ihren Hauptzweck, nämlich die Aufdeckung der Sünde zu erreichen und den Sünder zu überführen.
Das pure Festhalten an der Unfehlbarkeit und Zuverlässigkeit der Bibel garantiert allein also noch keine Bibeltreue.
Charakteristisch für die Gemeinschaftsbewegung im Siegerland ist heute eine ausgesprochene Belagerungsmentalität: der Gemeinschaftsverband sieht sich selbst als christliche Festung, die den ständigen Angriffen einer glaubensfeindlichen Umwelt ausgesetzt ist. Aufgrund dieser Denkweise wird die Bibel nicht selten als ein Buch betrachtet, dessen Zweck nur von Insidern wirklich verstanden wird. Damit befindet sich der Siegerländer Gemeinschaftsverband auf dem Weg in die Bedeutungslosigkeit, denn die christliche Botschaft beinhaltet einen unaufgebbaren öffentlichen Anspruch. Mehr als 3 Jahrhunderte lang lebte die Kirche als diskriminierte Minderheit in einer heidnischen Gesellschaft; von einem christlichen Abendland war nicht zu träumen.
Trotzdem beschränkte sich die Kirche aufgrund ihres Auftrags, ein Licht für die Welt zu sein, in ihrem Reden und Tun nicht auf den privaten Bereich. Sie verweigerte nicht nur dem römischen Kaiser die Anrede "Herr" (kyrios), da aus kirchlicher Sicht nur Jesus Christus diese Ehre zukam, sondern sie akzeptierte auch keine der heidnischen Ideologien, die damals das Leben der Menschen bestimmten.
Die Kirche ist nie darauf aus gewesen, einen religiös-moralischen Lebensentwurf für einzelne anzubieten, sondern hat stets die Erfüllung des Zwecks der gesamten Schöpfung in und durch Jesus Christus verkündigt. Im Siegerländer Gemeinschaftsverband herrscht dagegen eher ein gnostisch-duatistisches Denken vor.
Nur wenn es der Siegerländer Gemeinschaftsbewegung gelingt, wieder den Anschluss an die ganze Kirche zu finden, wird sie eine Zukunft haben, denn nur gemeinsam, nur im gegenseitigen Austausch mit anderen Christen können wir hoffen, die Fülle des uns gegebenen Wortes Gottes mehr und mehr ergründen zu können, ohne uns dabei an Einseitigkeiten festzubeißen.
Link und Download zum Thema:
..:Jobst Schöne: Die Irrlehre des Fundamentalismus im Gegensatz zum lutherischen Schriftverständnis